Themen-Spezial

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Charlie Hebdo – Hintergrund und Timeline des Anschlags

Lange Zeit war die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo mit 10.000 Abonnenten ein Nischenmagazin im politisch linken Spektrum. Traurige Berühmtheit erlangt das Magazin am 7. Januar 2015 durch einen islamistischen Terroranschlag auf das Pariser Redaktionsbüro. Insgesamt sterben zwölf Menschen, darunter der Großteil der Redaktion. Es folgen ein dreitägiger Ausnahmezustand in Paris und eine internationale Welle der Solidarität, getragen von einem Bekenntnis: „Je suis Charlie“. 

Charlie Hebdo - Je Suis Charlie
© iStock.com/Lya_Cattel

Charlie Hebdo – Hintergrund und Timeline des Anschlags

Hintergrund – Das ist Charlie Hebdo

Charlie Hebdo ist eine wöchentlich erscheinende Satirezeitschrift, die seit 1992 mit bissigen und kontroversen Karikaturen als Symbol der französischen Pressefreiheit gilt. Politik, Wirtschaft, Rassismus, Intoleranz und fanatische Religiosität sind bevorzugte Zielscheiben des Magazins. Besonders große Aufmerksamkeit erlangen neben zahlreichen Karikaturen des Papstes oder bekannter Politiker vor allem einige Zeichnungen des Propheten Mohammed, die muslimischen Menschen Toleranz abverlangen. Die Redaktion ist Adressat von Klagen, Hackerangriffen und Morddrohungen. 2011 werden die Redaktionsräume das Ziel eines islamistisch motivierten Brandanschlags. Das Redaktionsteam erhält Polizeischutz.

Die Titelseite des Magazins vom 7. Januar 2015 thematisiert den französischen Roman „Unterwerfung“, der ein islamistisches Frankreich im Jahr 2022 beschreibt. Eine zentrale Karikatur des Hefts zeigt einen bewaffneten Islamisten mit der Überschrift: „Immer noch keine Attentate in Frankreich“.

Das Attentat auf Charlie Hebdo am 7. Januar 2015

Es ist der 7. Januar, ein Mittwochmorgen um 11:30 Uhr in Paris. Das Redaktionsteam der Satirezeitschrift Charlie Hebdo bespricht in der wöchentlichen Sitzung gemeinsam die Themen der nächsten Ausgabe. Zur selben Zeit betreten zwei mit Kalaschnikows bewaffnete Männer das Redeaktionsgebäude. Sie stürmen den Sitzungsraum, in dem fast alle Redakteure und Zeichner des Magazins anwesend sind. Die maskierten Männer erschießen zunächst den Chefredakteur und Herausgeber Stéphane Charbonnier. Es folgt die Ermordung weiterer Redakteure, des Hausmeisters, eines Gastes und eines Personenschützers. Nur drei anwesende Menschen können sich durch Verstecke in Sicherheit bringen und die Rettungsdienste alarmieren. Die beiden Attentäter rufen während ihrer Tat die Parolen „Allahu akbar!“ („Gott ist am Größten“) und „On a vengé le prophète!“ („Wir haben den Propheten gerächt“). Insgesamt sterben durch den fünfminütigen Anschlag im Gebäude elf Menschen, darunter acht Mitarbeiter der Redaktion, ein Großteil des Teams.

Die Täter auf der Flucht

Auf der Straße treffen die Attentäter auf eine Polizistenstreife, können aber mit ihrem Wagen und unter Einsatz ihrer Waffen fliehen. Kurze Zeit später kommt es zwischen den Tätern und einer Fahrradstreife zu einer Schießerei. Ein bereits am Boden liegender Polizist wird aus nächster Nähe von den Attentätern getötet. Er ist das zwölfte Opfer. Es sind Bilder, die um die Welt gehen und die die Skrupellosigkeit der beiden Männer dokumentieren. Auf ihrer folgenden Flucht verursachen die Täter einen Verkehrsunfall, verletzen eine Fahrerin und können sich mit einem neuen Fluchtauto absetzen. Die Polizei verliert ihre Spur. Im ersten Fluchtwagen werden mehrere Dschihad-Flaggen und Molotowcocktails mit den Fingerspuren des polizeibekannten Islamisten Chérif Kouachi gefunden. Außerdem der Personalausweis seines Bruders, Saïd Kouachi. Ihre Namen gehen durch die Medien.

Die Stunden nach dem Attentat – ein anderes Paris

Der französische Präsident Francoise Hollande besucht den Tatort und spricht zum ersten Mal von einem Terroranschlag. Für den Großraum Paris wird sofort die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen. Für große Kirchen, Kaufhäuser, Mediengebäude und den öffentlichen Nahverkehr wird der Schutz deutlich erhöht. Schwerbewaffnet sucht die Polizei in Paris nach den Attentätern. Die Wohnung der Brüder wird ohne Erfolg durchsucht.

„Je suis Charlie“ – die Welt bekundet Solidarität

Am Abend des Anschlags drücken weltweit Tausende Menschen bei Versammlungen und in den Sozialen Netzwerken ihre Solidarität mit den Opfern aus. Das zentrale Bild ist ein schwarzes Banner mit dem weißen Schriftzug „Je suis Charlie“. Es zeigt Trauer und Mitgefühl, ist aber auch ein klares Bekenntnis zu westlichen Werten, der Meinungs- und Pressefreiheit. Menschen, Politik und Medien wie die französische Zeitung „Le Monde“ machen noch während der Flucht der beiden Täter deutlich: Die Pressefreiheit ist nicht verhandelbar.

Der 8. Januar – Innehalten & Fahndung

Auf ihrer Flucht am nächsten Tag befinden sich die Täter 68 Kilometer nordöstlich von Paris. Bei einem Tankstellenüberfall werden sie identifiziert, können sich aber wieder erfolgreich von der Polizei absetzen. Am südlichen Stadtrand von Paris, in Montrouge, kommt es zu einer Schießerei zwischen einem Mann mit schusssicherer Weste und der Polizei. Eine junge Polizistin stirbt, der Täter kann flüchten. Um 12 Uhr mittags gedenken Franzosen und Menschen weltweit der getöteten Menschen.

Geiselnahme & Zugriff – Paris im Ausnahmezustand am 9. Januar

Die beiden Attentäter verschanzen sich auf ihrer Flucht in einer Druckerei, 40 Kilometer nordöstlich von Paris. Die Polizei umstellt das Gebäude. Zur gleichen Zeit in Paris: Um 13:30 Uhr ertönen in einem jüdischen Supermarkt in Paris Schüsse. Der 32-jährige Amedy Coulibaly erschießt vier Menschen und nimmt weitere Menschen als Geiseln. Er ist auch für den Mord an der Polizistin in Montrouge verantwortlich. Er droht, weitere Menschen zu töten, sollte die Polizei die Umstellung der Druckerei nicht einstellen. Kurz nach 17 Uhr verlassen die beiden Brüder das Druckereigebäude und eröffnen das Feuer auf die Polizisten. Sie erwidern das Feuer augenblicklich und töten die Attentäter. Kurze Zeit später stürmt die Polizei den jüdischen Supermarkt. Der Geiselnehmer stirbt, die restlichen Geiseln überleben unverletzt. Die drei Tage andauernde Terrorwelle in Frankreich ist beendet.

Neubeginn & die erste deutsche Charlie Hebdo Ausgabe

Die überlebenden Redakteure kündigen eine Woche nach dem Anschlag eine neue Ausgabe des Magazins mit dem Titel „Das Journal der Überlebenden“ an. Unter der Leitung des neuen Chefredakteurs erscheint am 14. Januar das Heft mit einer Gesamtauflage von sieben Millionen Exemplaren, die in Frankreich und im Ausland schnell vergriffen ist. Allein in Deutschland werden 700.000 Exemplare verkauft. Soviel wie in keinem anderen Land außerhalb Frankreichs. Das Titelbild zeigt einen verwaisten Mohammed mit einem Schild „Je suis Charlie“ und der Überschrift „Alles ist vergeben“.

Am 1. Dezember 2016 erscheint erstmals eine deutsche Charlie Hebdo Ausgabe mit einer Auflage von 200.000 Exemplaren. Sie enthält Übersetzungen und eigene deutsche Inhalte: Das Titelbild zeigt die Bundeskanzlerin auf der Toilette, das Innere malt ein bissiges Deutschland-Psychogramm. Die Redakteure bleiben auch in Deutschland ihrem Stil treu: derb, respektlos, provokant und gnadenlos böse. Die deutsche Ausgabe steht dem Original in Nichts nach: „Die Deutschen sollen das echte Charlie bekommen“, betont die Sprecherin von Charlie Hebdo.

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