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Fakten über Erdogan - Wussten Sie eigentlich...?

Folge 19 Staffel 1

Recep Tayyip Erdogan ist ein türkischer Politiker und seit 2014 der zwölfte Präsident der Republik. Doch wussten Sie, dass seine Vorfahren Juden und Griechisch-Orthodoxe sind?

11.10.2016 15:26 | 5:23 Min | © ProSiebenSat.1 Media SE

Zwischen Despot und Demokrat

Erdogan: So wurde der türkische Präsident zum Hardliner

Recep Tayyip Erdogan ist ein türkischer Politiker und seit 2014 der zwölfte Präsident der Republik. Doch wussten Sie, dass seine Vorfahren Juden und Griechisch-Orthodoxe sind?

Religiös geprägte Kindheit

Geboren wird Erdogan 1954 in Istanbul. Der heutige Präsident der Türkei ist das jüngste von fünf Kindern. Seine Vorfahren sind jüdisch und griechisch-orthodox, die Eltern konvertieren jedoch früh zum Islam und erziehen ihre Kinder zu gläubigen Muslimen. Dass Erdogan seine Religion so ernst nimmt, ist ihm also schon in die Wiege gelegt worden.

Er wächst in einem Arbeiterviertel am Hafen auf. Als Kind wohnt der kleine Recep mit seiner siebenköpfigen Familie in einem Haus mit nur zwei Zimmern. Sein Vater verdient als Seemann nicht viel. In der Schule ist Erdogan Durchschnitt, aber diszipliniert und fromm – Literatur, Geschichte und vor allem Religion sind seine Lieblingsfächer. Er liebt es, seinen Mitschülern aus dem Koran vorzulesen. Fremdsprachen hingegen sind nicht sein Ding – bis heute noch spricht er keine einzige.

Man nannte ihn "Imam Beckenbauer"

Das Talent von Erdogan liegt zunächst anderswo: Er kickt unheimlich gern – und ausgesprochen gut. Im Viertel wird er daher "Imam Beckenbauer" genannt. Sein Vater ist davon ganz und gar nicht begeistert. Wegen der kurzen Hosen empfindet er Sport als unislamisch und verbietet seinem Sohn das Fußballspielen sogar. Doch der junge Erdogan trainiert heimlich weiter und wird immer besser. Das bleibt nicht unentdeckt. Talentscouts beobachten ihn und bieten ihm sogar einen Profivertrag an. Er lehnt ab – aus Respekt vor seinem Vater.

Arbeit statt Beziehung

Bei einer Parteiversammlung lernt Erdogan seine spätere Frau Emine kennen. Nach nur einem Jahr heiraten die beiden. Doch das junge Paar verbringt kaum Zeit miteinander, denn der junge Erdogan arbeitet fleißig an seiner politischen Karriere. Die Partei ist klein, die Bezahlung als Funktionär bescheiden. Daher verdient Erdogan sein Geld als Buchhalter in einer Wurstfabrik. Sein Ehrgeiz lässt ihn dort bald ins Management aufsteigen. Lange bleibt er aber nicht auf diesem Posten. Er will höher hinauf auf der Karriereleiter und bekommt ein gutes Angebot bei den städtischen Verkehrsbetrieben.

Erdogan mit seiner Frau Emine.
Erdogan mit seiner Frau Emine. © dpa
Schon zu Karrierebeginn ein Hardliner

Als sein Vorgesetzter ihm eines Tages befiehlt, sich den Schnurrbart abzurasieren, kündigt er fristlos. Glattrasur – das kommt für den ambitionierten Erdogan nicht infrage: Sein Schnurrbart ist Ausdruck seiner politischen und religiösen Überzeugung. Und die setzt er bis heute unerbittlich durch. Seine konservativen Ansichten machen ihn bei vielen Türken sehr beliebt. 1994 wird er zum Bürgermeister von Istanbul gewählt. Bei einer Konferenz zitiert er ein fanatisch-religiöses Gedicht, das viele als Aufruf zum Heiligen Krieg verstehen. Ein Gericht verurteilt ihn wegen ideologischer und anarchistischer Äußerungen zu zehn Monaten Haft und lebenslangem Politikverbot.

Was er später also unter anderem bei Jan Böhmermann durchsetzen wollte, ist ihm damals selbst passiert: Knast für ein Gedicht! Nach seiner Haftentlassung will er zurück in die Politik – trotz Berufsverbots. Er gründet eine neue Partei, die anfangs – zumindest offiziell – von seinen Kumpels geführt wird. 2002 wird sein treuester Parteifreund zum Ministerpräsidenten gewählt. Der erzwingt eine Verfassungsänderung in Erdogans Sinne: Die Gründe für dessen Verurteilung werden aus der Verfassung gestrichen und umformuliert. Politikverbot – welches Politikverbot? Erdogan übernimmt die Parteiführung und wird sogar Ministerpräsident. Weil er will, dass sich die Türken wieder stärker auf ihre nationale Identität besinnen, erklärt er Ayran zum Nationalgetränk.

Im Westen im Mittelpunkt der Kritik, in der Heimat bei vielen ein gefeierter...
Im Westen im Mittelpunkt der Kritik, in der Heimat bei vielen ein gefeierter Held: Erdogan. © dpa
Scharfe Kritik an Erdogans Politik

Erdogan ist heute umstrittener denn je. Kritiker, auch in Deutschland, werfen ihm vor, dass er die Meinungs- und Pressefreiheit immer mehr einschränkt. Wer kritisch über ihn berichtet, dem droht Ärger. Der Putsch gegen ihn ist der bis dato letzte Versuch, ihn zu Fall zu bringen.

Fazit: Schon im Kindesalter wird Erdogan in seinem Führungsstil geprägt. Die Eltern, beides Konvertiten, erziehen ihren Sohn streng nach dem Glauben des Islam. Selbst das Fußballspielen wird Erdogan vom Vater verboten, da der Senior die kurzen Hosen als unislamisch empfindet. Doch das Kind hat einen zweiten Plan: Erdogan beginnt seine politische Laufbahn, vom einfachen Parteifunktionär über das Bürgermeisteramt bis hin zum türkischen Präsidenten. Systemkritiker, die ihm während seines steilen Aufstiegs in die Quere kommen, lässt er einfach verhaften. Dass Erdogan ernst macht, sobald seine Autorität hinterfragt wird, bekam Jan Böhmermann am eigenen Leib zu spüren: Das Schmähgedicht des Comedian zog eine Strafanzeige seitens Erdogans nach sich.