Themen-Spezial

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Prinzessin Vicky und ihr Sohn Wilhelm – eine besondere Hassliebe

Sie war die Tochter der britischen Königin Victoria, er ihr erstgeborener Sohn und der letzte deutsche Kaiser. Die Beziehung von Kronprinzessin Victoria – genannt Vicky – und ihrem Sohn, Wilhelm II., ist von der Geburt des Jungen an eine schwierige. Vor allem ein körperlicher Makel belastet das Verhältnis zu seiner Mutter den Gerüchten zufolge. Herrschte dennoch eine sexuelle Anziehung zwischen den beiden? 

Prinzessin Vicky und ihr Sohn Wilhelm II.

Die Tochter der Königin

Victoria Adelaide Mary Louisa, Prinzessin von Großbritannien und Irland, wird 1840 als erstes Kind von Königin Victoria von Großbritannien und Albert von Sachsen-Coburg und Gotha geboren. Im Alter von 17 Jahren heiratet sie 1858 den acht Jahre älteren preußischen Thronfolger Prinz Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen. Nur drei Monate später wird Vicky schwanger. Die Geburt ihres Sohnes Wilhelm bringt die Kronprinzessin jedoch an ihre Grenzen.

Schwere Komplikationen bei Wilhelms Geburt

Am 27. Januar 1859 erblickt das erste Kind des Paares das Licht der Welt – Wilhelm. Doch aufgrund einer Steißgeburt kommt es zu erheblichen Komplikationen, obwohl Königin Victoria eigens einen Arzt zu Hilfe schickt. An Kaiserschnitt ist damals nicht zu denken – ein solcher ist zu der Zeit gleichbedeutend mit dem Tod der Mutter. Während Vicky unter anderem mit Chloroform betäubt werden muss, zieht der Arzt das Kind unter größten Anstrengungen aus der Gebärmutter. Doch er beschädigt Kopf und Nacken, zerstört wichtige Nerven des linken Arms. Die Folgen: Wilhelm leidet sein Leben lang an einer Lähmung der Extremität. Der Arm bleibt zudem verkrüppelt, später ist er rund 15 Zentimeter kürzer als der rechte.

Kaiser von Deutschland Wilhelm II
Kaier Wilhelm II. soll romantische Gefühle für seine Mutter Prinzessin Vicky gehabt haben.

Junge leidet unter grotesken Therapien

Die Eltern des jungen Wilhelm sind geschockt. Ihre Ärzte lassen nichts unversucht, um den Arm des Jungen zu therapieren. Dabei bedienen sich die Mediziner ungewöhnlicher, teils grotesker Methoden. Sie ordnen zwei Mal pro Woche „animalische Bäder“ an und betten den Arm des Jungen dabei in den Kadaver eines frisch geschlachteten Hasen ein. Eine „ganz widerliche, abscheuliche Idee“, wie seine Mutter laut dem Historiker John Röhl befindet. Auch vor Elektroschocktherapien machen die Ärzte nicht halt, zudem stecken sie das Kind in verschiedene Kopf- und Arm-Streckmaschinen. Vicky hat sich ein perfektes Kind gewünscht, doch der Arm ihres Sohnes „verdirbt mir jede Freude und jeden Stolz, den ich an ihm haben sollte“, wie sie in einem Brief an ihre Mutter, Queen Victoria, schreibt. Eine Hassliebe zu ihrem Kind entsteht, Vicky liebt ihren Wilhelm und verachtet ihn zugleich. Doch der auf die Mutter fixierte Junge versucht, ihre Liebe zu gewinnen.

Wilhelm schreibt erotische Briefe

Laut Professor Röhl hegt der Junge im Alter von 16 Jahren erotische Gedanken für seine Mutter. Das zeigen Briefe, die der Historiker findet. „Ich habe von deinen warmen, weichen Händen geträumt, und ich warte ungeduldig auf den Zeitpunkt, wenn ich bei dir sitze und sie küssen kann. Aber versprich mir, dass du nur mir die Innenseite deiner Hand gibst, um sie zu küssen.“ In einem anderen Brief schreibt Wilhelm: „Ich habe wieder von dir geträumt. Diesmal war ich alleine mit dir in der Bibliothek, als du deine Arme ausgestreckt und mich runtergezogen hast. Dann hast du deine Handschuhe ausgezogen und legtest deine Hand sanft auf meine Lippen, damit ich sie küsse. Ich wünschte, du würdest dasselbe mit mir machen, wenn ich in Berlin abends mit dir alleine bin.“ Psychologen glauben, dass er an seiner Mutter seine sexuellen Neigungen ausprobieren will und sich dabei vor allem auf ihre schönen Hände fixiert. Doch wie erwidert seine Mutter Wilhelms inzestuöse Gedanken?

Kronprinzessin Victoria
Auf Wilhelms Avancen reagierte Prinzessin Vicky entgegen seinen Erwartungen.

Eine unerwartete Reaktion?

Schmeicheln Vicky die Avancen ihres Sohnes? Ging sie darauf ein und schickte ihrem Erstgeborenen, der auf dem Weg war, ein Mann zu werden, ähnliche Briefe? Nein. Stattdessen antwortete sie mit entschiedener Missbilligung. Victoria geht nicht auf die Anspielungen ihres Sohnes ein, sondern korrigiert dessen Grammatik. Fortan ist das Verhältnis von Mutter und Sohn zerrüttet. Die Träume sind jedoch ein Fingerzeig für zukünftige Neigungen des kommenden Kaisers: Er entwickelt einen Fetisch für die Arme von Frauen.

Der Kaiser wird zum Schürzenjäger

Sein Verhältnis zu Frauen erschüttert die Episode mit seiner Mutter daher nicht. Ganz im Gegenteil: Obwohl er 1881 Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg heiratet, stellt Kaiser Wilhelm auch anderen Frauen nach. Oft lässt er diese ihre Handschuhe ausziehen, damit er sie von der Fingerspitze bis zum Ellbogen liebkosen kann. Wilhelm führt unter anderem eine Beziehung zur Straßburger Edelprostituierten Emilie Klopp. Diese schickt unter dem Pseudonym „Miss Love“ Briefe an Graf Wilhelm von Bismarck, den Sohn des Reichskanzlers Otto von Bismarck. Demnach stehe Wilhelm auf „ganz eigentümliche Neigungen zur Komplikation des gewöhnlichen Coitus … wie z. B. Zusammenbinden der Arme.“.

Fazit: Prinzessin Vicky und ihr verkrüppelter Sohn hatten also entgegen der Gerüchte kein romantisches Techtelmechtel. Der von einer schweren Kindheit gebeutelte Wilhelm hat zwar erotische Träume von seiner Mutter. Doch statt eine intime Beziehung entstehen zu lassen, entzweien die Gedanken des späteren Kaisers ihn und seine Mutter noch weiter.

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