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Fakten über Hildegard von Bingen - Wussten Sie eigentlich...?

Folge 15 Staffel 1

Hildegard von Bingen: Sie ist die Vorzeigerebellin des Mittelalters. Als Nonne und Ärztin in den Geschichtsbüchern bekannt. Aber wussten Sie eigentlich, dass sie die Kirche provoziert und über Sex schreibt?

17.10.2016 14:09 | 5:02 Min | © ProSiebenSat.1 Media SE

Emanzipation unter dem Nonnenschleier

Hildegard von Bingen: Galionsfigur der feministischen Theologie

Hildegard von Bingen ist so etwas wie die Vorzeigerebellin des Mittelalters. Als Nonne und Ärztin wird sie zur Vorreiterin des modernen Feminismus und sichert sich so einen Eintrag in die Geschichtsbücher. Aber wussten Sie eigentlich, dass Hildegard von Bingen die Kirche provozierte und über Sex schrieb?

Mit acht Jahren ins Kloster

Hildegard von Bingen entstammt einem adeligen Geschlecht. Um das 11. Jahrhundert herum ist es üblich, jedes zehnte Kind einer Familie ins Kloster zu geben. In diesem Fall trifft es die gerade mal achtjährige Hildegard. Sie wird von ihrer Familie zurückgelassen und kommt ins Stift. Von da an bestimmt der Tagesablauf des Klosters ihr Leben. Das Leben im Kloster ist hart: Als Bett besitzt sie nicht mehr als Stroh und selbst Kinder beten und arbeiten hier von früh bis spät. Nachts rütteln die Schwestern sie wach. Denn die strengen Klosterregeln schreiben vor: "Preiset den Herrn" – und zwar achtmal am Tag. Diese strengen Abläufe mag die junge Hildegard von Bingen jedoch überhaupt nicht.

Mehr Freiheiten für Nonnen

Schon mit 18 übernimmt Hildegard von Bingen die Frauengemeinschaft im Kloster – und natürlich möchte die Rebellin sofort alles ändern. Ihre Nonnen sollen mit offenen Haaren beten, sogar Blumenkränze tragen: ein Affront! Der Klosterchef, ihr Abt, beobachtet das alles argwöhnisch. Frauen haben in dieser Zeit eigentlich keine Chance sich weiterzubilden. Hildegard von Bingen hat aber Glück, dass sie in einem Kloster lebt – dort lernt sie über die Natur.

Ingwer als Heilmittel – für uns heute längst bekannt. Aber wussten Sie auch, wer es entdeckt hat? Genau: Hildegard von Bingen. Sie schreibt das, was sie im Klostergarten entdeckt auf ein iPad des Mittelalters: eine Wachstafel. Sie schreibt auf Latein, die Sprache der Wissenschaft im Mittelalter.

Im Alter von 14 Jahren wird Hildegard von Bingen in die Frauenklause am Klost...
Im Alter von 14 Jahren wird Hildegard von Bingen in die Frauenklause am Kloster Disibodenberg aufgenommen. Heute ist die einstige Ausbildungsstätte nur noch eine Ruine.

Visionen oder Migräne?

Die Nonne erfindet die geheime und mysteriöse Lingua ignota – die unbekannte Schrift. Durch sie kommuniziert sie mit den Oberhäuptern befreundeter Klöster. Seit ihrer Kindheit behauptet Hildegard von Bingen, sie habe Visionen und würde Lichtgestalten sehen. Wissenschaftler heute glauben allerdings, sie habe schlicht unter Migräne gelitten und deshalb fantasiert. Eine Frau, die im Mittelalter behauptet Visionen zu haben, lebt gefährlich. Und auch ihre Visionen werden kritisch beäugt, viele sehen in Hildegard von Bingen eine Hexe.

Immer auf Konfrontationskurs

Sie predigt in der Öffentlichkeit – für eine Frau im Mittelalter ein großes Wagnis und eine Seltenheit. Demütig zu Fuß zu gehen liegt ihr übrigens überhaupt nicht. Kein Wunder, denn oft ist sie monatelang unterwegs, um ihre Lehren zu verbreiten. Pferd und Schiff sind daher ihre bevorzugten Transportmittel. Nicht umsonst wählt übrigens Ken Follett Hildegard von Bingen als Vorlage für eine Romanfigur aus: Sie liefert Stoff für Dramen, geht keinem Streit aus dem Weg – schon gar nicht mit ihrem Abt. Sie will endlich ihr eigenes Kloster.

Erst ein Befehl aus Rom klärt den Streit und der Abt lässt sie zähneknirschend ziehen. Doch Hildegard geht weiter auf Konfrontationskurs und fordert die wirtschaftliche Unabhängigkeit des eigenen Klosters. Stur wartet sie so lange, bis der Abt endlich nachgibt. In ihr neues Kloster hat aber nur die "High Society" Zutritt: adelige Frauen, denn die bringen Geld. Das ist wichtig, da Hildegard von Bingen expandieren will. Auch aus heutiger Sicht ist sie eine clevere Geschäftsfrau. Der Weiteren muss sie sich überall einmischen – sogar in Fragen der Politik und des Glaubens. Ihr ganzes Leben führt sie rege Briefwechsel: Sogar an den damaligen Kaiser Barbarossa schreibt sie wütende Briefe, weil der nicht nach ihrer Pfeife tanzen will.

Hildegard von Bingen – eine nicht ganz so fromme Heilige?

Schon zu Lebzeiten verehren sie die Menschen als Heilige. Ihr Kloster ist eine regelrechte Pilgerstätte. Die Leute suchen bei ihr Rat in Fragen der Gesundheit und Hygiene. Die Rebellin mahnt zu häufigem Waschen und Zähneputzen und sie betätigt sich als eine Art Sexualtherapeutin. Als erste Frau überhaupt schreibt sie über den weiblichen Orgasmus. Woher dieses Wissen stammt? Einige behaupten, dass unter den Nonnen durchaus mehr gelaufen ist als freundschaftliche Beziehungen.

Hildegard von Bingen ist seit über 830 Jahren tot, doch erst im Jahr 2012 spricht der Papst sie offiziell heilig.

Fazit: Christliche Mystikerin, Ärztin, Sexualtherapeutin, Feministin: Hildegard von Bingen ist bis heute bedeutsam in der Medizin und Religion. Obwohl sie bereits im Hochmittelalter als Universalgelehrte und Vorreiterin für den modernen Feminismus galt, wurde die einflussreiche Nonne erst über 800 Jahre nach ihrem Tod vom Papst offiziell heilig gesprochen.