Aufregende Expeditionen

Dichter Nebel liegt über dem Berliner Teufelsberg, es ist feucht-kalt, die Blätter der Bäume sind schon gelb und rot. Der Weg nach oben ist beschwerlich: steile Serpentinen führen auf den 120 Meter hohen Hügel. Alte Gemälde, Doppeltüren, Fenster, Bilderrahmen und Badewannen liegen auf den Wegen. Kaum eine der grauen Wände ist nicht mit Graffiti besprüht – von überdimensional großer, knallbunter Spraykunst bis hin zu kleinen Installationen – Hunderte Künstler durften sich hier schon verewigen. Über 200 Graffiti-Kunstwerke gibt es hier, darunter sind viele politische Werke. Der Teufelsberg ist heute die größte Graffiti-Galerie Europas, war aber von 1972 bis 1989 der wohl bestgesicherte Lost Place weltweit: Strenge Kontrollen mussten die Angestellten über sich ergehen lassen, um überhaupt auf das Gelände zu kommen. Warum? Der Teufelsberg war eine der größten Spionageanlagen der Welt. Nicht mal deutsche Objektschützer durften die Anlage betreten. Aber das war nicht immer so.

In den Händen von Adolf Hitler

Der Anblick des Teufelsbergs prägt das heutige Stadtbild Berlins. Zwar ist der Teufelsberg mit seinen 120 Metern seit kurzem nicht mehr der höchste Berg Berlins, doch die Geschichte dahinter ist viel größer. Um 1915 entsteht hier das Naherholungsgebiet Grunewald. Adolf Hitler plant dort aber etwas ganz anderes: Nach seiner Machtergreifung 1933 soll eine neue Hochschulstadt an der Heerstraße gebaut werden. Zu Beginn des 2. Weltkrieges werden aber sämtliche Kapazitäten zur Kriegsführung gebraucht, 1940 werden alle Bauarbeiten eingestellt, die nicht zu Kriegszwecken dienen.

Aus Schutt und Asche zum Spionageberg

Während des Krieges entstehen Trümmerteile von rund 25 Millionen Tonnen. Bis Ende 1972 kippen die Alliierten bis zu 800 LKWs Schutt auf das Gelände: So entsteht aus den Kriegsresten der heutige Berliner Teufelsberg. An dem immer weiter wachsenden Berg im Westen Berlins sind die britischen und amerikanischen Alliierten schnell interessiert. Sie testen mit Antennenwagen, ob eine Spionage vom Berg aus möglich ist. Zunächst installieren die Amerikaner, dann die Briten feste Antennen. 

Der Feind im Ostblock

Hier hören die Alliierten während des Kalten Krieges ab, was der Feind im Ostblock plant. Von der Spionier-Station mit den weißen runden Kuppeln können Briten und Amerikaner bis in 500 Kilometer Entfernung lauschen. Gespräche auf tschechisch, polnisch, deutsch und russisch werden aufgeschrieben und übersetzt – was sie abgehört haben, ist ab 2022 frei für Wissenschaftler zugänglich.

In der Abhöranlage arbeiten damals rund 1.500 Menschen täglich in Schichten. Es soll ein wenig wie im Gefängnis gewesen sein: Ohne Tageslicht, dafür mit viel stickiger Luft. Nur in der Kantine gibt es Fenster, die so verspiegelt, dass man nur von Innen nach Außen schauen kann.

Nach dem Ende des Kalten Krieges werden bis 1992 alle Abhöreinrichtungen deinstalliert. Informationen und Material werden vernichtet.

Der Spionageberg wird zum Lost Place

Die Investorengemeinschaft Teufelsberg GbR kauft 1996 den Teufelsberg und plant dort ein großes Freizeitgebiet aus Hotels, Wohnungen, einem Parkhaus und einem Aussichtsturm. Daraus wird aber nichts. Am 15. August 2005 erlässt die Senatsverwaltung eine Rechtsverordnung, mit der eine private Bebauung auf dem Teufelsberg nicht mehr möglich ist.

2006 wird der Teufelsberg dann wieder zum "Lost Place", zerstört durch Vandalismus. Erst 2010 wird das Gelände für Besucher offiziell zugänglich und die europaweit größte Graffiti-Galerie entsteht. Im Rahmen einer Führung können Besucher und Touristen das denkmalgeschützte Monument besichtigen.

Die Zukunft des Teufelsberges

Das allein aber bringt kein Geld. Die Investoren wollen Luxuswohnungen und ein Hotel auf dem 48.000 Quadratmeter großen Gelände errichten. Wegen Protesten von Anwohnern und Naturschutzverbänden wird dem aber ein Strich durch die Rechnung gemacht.

„Hier können Ateliers und Werkstätten für Künstler entstehen, Sporteinrichtungen gebaut und die Vergangenheit museal gezeigt werden“, sagt Pächter Marvin Schütte. Das ist allerdings nicht so einfach, wie es scheint: Da das Gebiet seit 2006 als Waldfläche gilt, sind Baumaßnahmen verboten. Doch auch der Bezirk will, dass sich auf dem Teufelsberg etwas ändert. Es gibt Gespräche über eine mögliche Rückübertragung, damit der Teufelsberg wieder in öffentlicher Hand liegt. Alle Gebäude sollen entkernt werden. Geplant sind ein Restaurant und ein Spionagemuseum, in den restlichen Gebäuden sollen Loft-Wohnungen gebaut werden.

Und während Politiker, Investoren und Pächter Schütte sich uneinig sind, was aus dem Teufelsberg werden soll, steht der in seiner ganzen Pracht da, erzählt Geschichte und lässt sich davon nicht beeindrucken.